HomeBriefeBriefwechsel mit Gottfried KörnerSchiller an Gottfried Körner, 5. Januar 1789

Schiller an Gottfried Körner, 5. Januar 1789

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[Weimar] Neujahr [Donnerstag] 1789.

Ich muß Euch doch auch ein schönes neues Jahr wünschen, aber für jetzt nur in Prosa. Verlängere Euch der Himmel das, was Ihr bisher Gutes genossen habt, und helfe Euch vom Schlimmen! Mit 1788 hat meine bisherige weltbürgerische Lebensart ein Ende, und ich werde in diesem als ein unnützer Diener des Staats erscheinen.

Bertuch geht eben von mir, und hat meinen Muth durch eine sehr tröstliche Dienstleistung aufgerichtet. Er will mir einen Verleger, der solvendo ist, und über den er ganz zu disponiren hat, für die Entreprise mit den Memoires schaffen, und verspricht mir, daß mir der Bogen mit einem Carolin bezahlt werden soll. Doch unter der Bedingung, daß ich meinen Namen zu dem Werke setze, und jeden Band mit einer eigenen historischen Abhandlung noch versehe. Dieses Unternehmen sichert mir bei dieser neuen Carriere meine Existenz hinlänglich, und ohne mir viel Zeit wegzunehmen. Mit drei Stunden des Tages habe ich alles abgethan, wovon ich lebe. Mit den übrigen neun kann ich, wie ich hoffe, vollkommen für das Studium der Geschichte und die Vorbereitung zu den Collegien ausreichen. Zugleich ist die Uebersetzung der Memoires nicht von meinem Plane entlegen, und ich lebe eo ipso um so mehr in der Geschichte. Hast Du nun Lust, mir auch zuweilen einen Beitrag zu geben, so kannst Du Dich immer darauf richten. Nur thust Du mir einen großen Dienst, wenn Du englische Memoires wählst, als solche, die auch in meinem Plane begriffen sind, und denen ich für jetzt selbst nicht gewachsen bin. Das Hauptgesetz dabei ist, das Original auf drei Fünftheile wenigstens in der Uebersetzung zu reduciren, eine fließende Sprache und zuweilen eine kleine Nachhilfe, wenn der Text ermattet.

Diese Woche habe ich fast nichts gethan, als Schmidts Geschichte der Deutschen vorgenommen und Pütters Grundriß der deutschen Staatsverfassung, welcher letztere besonders meinen ganzen Beifall hat. Besonders muß sich ihr ganzer Werth alsdann erst ergeben, wenn man durch eine gründliche Geschichte des deutschen Reichs im Detail bereits in den Stand gesetzt ist, diese Resultate gleichsam selbst daraus zu ziehen, und solche also im Pütterschen Buche nur recapitulirt. Das Ganze ist ein sehr klar auseinandergesetztes Gemälde aller allmähligen Fortschritte, welche jede politische und geistliche Macht im Laufe der Geschichte in Deutschland gethan hat. Schmidt ist unendlich schätzbar durch die Menge der Quellen, die er benutzt hat, und in seiner Zusammenstellung ist kritische Prüfung; aber er verliert durch seine befangene parteiische Darstellung wieder sehr. Im Ganzen freue ich mich doch auf dieses unendliche Feld, das durchzuwandern ist, und die deutsche Geschichte besonders will ich in der Folge ganz aus ihren Quellen studiren.

d. 5. Jenner [Montag].

Ich wurde neulich verhindert diesen Brief fortzusetzen, und heute erhalte ich den Deinigen. Was Deine Auszüge aus Gibbons Geschichte betrifft, so habe ich seitdem Wieland nicht gesehen; theils bin ich nicht ausgegangen, theils schreckte mich seine todtkranke Mutter, die jetzt auch begraben ist, sein Haus zu besuchen. Erhalte ich noch vor Absendung dieses Briefes eine schriftliche Erklärung von ihm, so leg ich sie bei. Auf alle Fälle kannst Du fortfahren; denn diese Aufsätze werden in jedem Journale willkommen seyn.

Dein Fleiß entzückt mich; und die Lust, die Du jetzt zum Arbeiten hast, wird einen sehr heilsamen Einfluß auf das Arbeiten selbst haben. Es wird wenig Nachdenkens kosten, um Dich für den Mercur zu engagiren. Ein einziger, kurzer, runder Aufsatz, womit Du bei Wieland debutirst, wird dies entscheiden. Laß Dir diesen sobald als möglich empfohlen seyn. Deine Abhandlung in der Thalia gebe ich ihm sogleich, wenn sie heraus ist, zum Lesen. Gegen ihn schreiben darfst Du kecklich, da Du es gewiß mit Bescheidenheit thun wirst. Doch um sicherer zu gehen, wärs gut, wenn Du erst, weil ich gewisse Nüancen in seinem Charakter besser kenne, den Aufsatz durch meine Hände gehen ließest. Mein Gedicht ist noch nicht fortgeschickt; Du erhältst es noch schriftlich.

Ueber mein Professorwerden sollst Du, wie ich hoffe, schon noch mit mir einig werden. Die Erklärung, die Du willst, daß ich geben soll, ist so ziemlich schon geschehen, und wird noch deutlicher geschehen. Das Reelle an der Sache ist: daß ich ein, zwei Jahre dadurch hineingehetzt werde, die Geschichte zu studieren und sogleich in akademischen Vortrag zu verarbeiten. Es liegt mir alles daran, binnen zwei Jahren zu einer Besoldung zu gelangen, die mich ganz in Ansehung meiner Subsistenz sichert und einen gründlichen Fonds zur Tilgung meiner Schulden giebt. Diese letztern verbittern mir das Leben, und bei dieser Seelenlage ist es ganz und gar um schriftstellerische Thätigkeit gethan. Ich schmachte nach Ruhe, nach Freiheit, und nur der jetzige Schritt konnte mich dazu führen. Du weißt nicht, wie Professoren von Namen jetzt gesucht werden, und meistens mit sehr ansehnlichen Bedingungen. Mir kann es in einigen Jahren schlechterdings nicht fehlen, und dann erst fange ich an, zu seyn. Meine jetzige Lage verzehrte mein ganzes Wesen, und ich hätte sie nicht länger ertragen.

Lebe wohl. Nächstens ein Weiteres. Grüße alle herzlich.

Dein S.