HomeText: Die RäuberMaterialienSelbstrezension „Die Räuber“ im Wirtembergischen Repertorium

Selbstrezension „Die Räuber“ im Wirtembergischen Repertorium

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„RÄUBER MOOR. Ich kam, um Abschied zu nehmen. Doch Himmel! Auf welcher Wallung muß ich Ihnen begegnen?

AMALIA. Gehen Sie, Graf – Bleiben Sie – Glücklich! Glücklich! wären Sie nur jetzt nicht gekommen! Wären Sie nie gekommen!

RÄUBER MOOR. Glücklich wären Sie dann gewesen? – Leben Sie wohl.

AMALIA. Um Gottes willen! bleiben Sie – Das war nicht meine Meinung! (Die Hände ringend) Gott! und warum war sie es nicht? – Graf! was tat Ihnen das Mädchen, das Sie zur Verbrecherin machen? Was tat Ihnen die Liebe, die Sie zerstören?

RÄUBER MOOR. Sie ermorden mich, Fräulein!

AMALIA. Mein Herz so rein, eh meine Augen Sie sahen! – daß sie verblindeten, diese Augen, die mein Herz verkehrt haben!

RÄUBER MOOR. Mir! Mir diesen Fluch, mein Engel! Diese Augen sind unschuldig wie dies Herz.

AMALIA. Ganz seine Blicke! – Graf! ich beschwöre Sie, kehren Sie diese Blicke von mir, die mein Innerstes durchwüten! – Ihn – Ihn selbst heuchelt sie mir in diesen Blicken vor, Phantasie die Verräterin – Gehen Sie! Kommen Sie in Krokodilgestalt wieder, und mir ist besser.

RÄUBER MOOR (mit dem vollen Blick der Liebe). Du lügst, Mädchen.

AMALIA (zärtlicher). Und solltest du falsch sein, Graf? Solltest du kurzweilen mit meinem schwachen weiblichen Herzen? – Doch wie kann Falschheit in einem Auge wohnen, das seinen Augen aus dem Spiegel gleicht! – Ach! und erwünscht! wenn es auch wäre! Glücklich! wenn ich dich hassen müßte! – Weh mir! wenn ich dich nicht lieben könnte!

RÄUBER MOOR (drückt ihre Hand wütend an den Mund).

AMALIA. Deine Küsse brennen wie Feuer.

RÄUBER MOOR. Meine Seele brennt in ihnen.

AMALIA. Geh – noch ist es Zeit! Noch! – Stark ist die Seele des Manns! – Feure auch mich an mit deinem Mut, Mann mit der starken Seele!

RÄUBER MOOR. Dein Zittern entnervt den Starken. Ich wurzle hier – (das Haupt an ihre Brust gedrückt) und hier will ich sterben.

AMALIA. Weg! laß mich! – Was hast du gemacht, Mann? – Weg mit deinen Lippen! – Gottloses Feuer schleicht in meinen Adern. (Sie sträubt sich ohnmächtig gegen seine Bestürmungen) Und mußtest du kommen aus fernen Landen, eine Liebe zu zerstören, die dem Tode trotzte (Sie drückt ihn fester an die Brust) Gott vergebe dirs, Jüngling!“ u.s.f.

Der Ausgang dieser Szene ist höchst tragisch, so wie sie überhaupt zugleich die rührendste und entsetzlichste ist. Der Graf hat ihr den Trauring, den sie ihm vor vielen Jahren gegeben, an den Finger gespielt, ohne daß sie ihn erkannt hätte. Nun ist er mit ihr am Ziele – wo er sie verlassen, und sich ihr zu erkennen geben soll. Eine Erzählung ihrer eigenen Geschichte, die sie für eine andere auslegt, war sehr interessant. Sie verteidigt das unglückliche Mädchen. Die Szene endet also:

RÄUBER MOOR. Meine Amalia ist ein unglückliches Mädchen.

AMALIA. Unglücklich! daß sie dich von sich stieß!

RÄUBER MOOR. Unglücklicher, weil sie mich zwiefach umwindet.

AMALIA. O dann gewiß unglücklich! – Das liebe Mädchen. Sie sei meine Schwester, und dann noch eine bessere Welt –

RÄUBER MOOR. Wo die Schleier fallen, und die Liebe mit Entsetzen zurückprallt – Ewigkeit heißt ihr Name – Meine Amalia ist ein unglückliches Mädchen.

AMALIA (etwas bitter). Sind es alle, die dich lieben und Amalia heißen?

RÄUBER MOOR. Alle – wenn sie wähnen, einen Engel zu umhalsen, und ein Totschläger in ihren Armen liegt. – Wehe meiner Amalia! Sie ist ein unglückliches Mädchen.

AMALIA (im Ausdruck der heftigsten Rührung). Ich beweine sie!
RÄUBER MOOR (nimmt stillschweigend ihre Hand und hält ihr den Ring vor die Augen). Weine über dich selber – (und stürzt hinaus)
AMALIA (niedergesunken.) Karl! Himmel und Erde!“

Noch wär ein Wort über die zweideutige Katastrophe der ganzen Liebesgeschichte zu sagen. Man fragt, war es tragisch, daß der Liebhaber sein Mädchen ermordet? War es in dem gegebenen Falle natürlich? War es notwendig? War kein minder schrecklicher Ausweg mehr übrig? – Ich will auf das letzte zuerst antworten: Nein! – Möglich war keine Vereinigung mehr, unnatürlich und höchst undramatisch wär eine Resignation gewesen. Zwar vielleicht diese letzte möglich und schön auf Seiten des männlichen Räubers – aber wie äußerst widrig auf Seiten des Mädchens! Soll sie heimgehen und sich trösten über das, was sie nicht ändern kann? Dann hätte sie nie geliebt. Soll sie sich selbst erstechen? Mir ekelt vor diesem alltäglichen Behulf der schlechten Dramatiker, die ihre Helden über Hals über Kopf abschlachten, damit dem hungrigen Zuschauer die Suppe nicht kalt werde. Nein, man höre vielmehr den Dichter selbst, und beantworte sich dann gelegenheitlich auch die übrige Fragen. Räuber Moor hat Amalien auf einen Stein gesetzt und entblößt ihr den Busen.

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