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Selbstrezension „Die Räuber“ im Wirtembergischen Repertorium

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„RÄUBER MOOR. Schaut diese Schönheit, Banditen! – Schmelzt sie euch nicht? – Schaut mich an, Banditen. Jung bin ich und liebe. Hier werd ich geliebt. Angebetet. Bis ans Tor des Paradieses bin ich gekommen. – Sollten mich meine Brüder zurückschleudern? (Räuber stimmen ein Gelächter an)

RÄUBER MOOR (entschlossen). Genug. Bis hieher Natur! Itzt fängt der Mann an. Auch ich bin der Mordbrenner einer – und (ihnen entgegen gegen mit Majestät) euer Hauptmann! Mit dem Schwert wollt ihr mit euerm Herrn rechten, Banditen? (Mit gebietender Stimme) Streckt die Gewehre! Euer Herr spricht mit euch! (Räuber lassen zitternd ihre Waffen fallen)

RÄUBER MOOR. Seht! Nun seid ihr nichts mehr als Knaben, und ich – bin frei. Frei muß Moor sein, wenn er groß sein will. Um ein Elysium voll Liebe ist mir dieser Triumph nicht feil. – Nennt es nicht Wahnwitz, Banditen, was ihr das Herz nicht habt Größe zu nennen; der Witz des Unglücks überflügelt den Schneckengang der ruhigen Weisheit – Taten wie diese überlegt man, wenn sie getan sind. Ich will hernach davon reden. (Er ermordet das Mädchen)“

Die Räuber preisen den Sieg ihres Fürsten. Aber nun seine Empfindungen nach der Tat.

„RÄUBER MOOR. Nun ist sie mein (indem er sie mit dem Schwert bewacht) Mein – oder die Ewigkeit ist die Grille eines Dummkopfs gewesen. Eingesegnet mit dem Schwert hab ich heimgeführt meine Braut, vorüber an all den Zauberhunden meines Feindes Verhängnis! – Und er muß süß gewesen sein, der Tod von Bräutigams Händen? Nicht wahr, Amalia?

AMALIA (sterbend im Blut). Süße. (Streckt die Hand aus und stirbt)

RÄUBER MOOR (zu der Bande). Nun, ihr erbärmlichen Gesellen! Habt ihr noch was zu fordern? Ihr opfertet mir ein Leben auf, ein Leben, das schon nicht mehr euer war, ein Leben voll Abscheulichkeit und Schande. – Ich hab euch einen Engel geschlachtet, Banditen! Wir sind quitt. Auf dieser Leiche liegt meine Handschrift zerrissen – Euch schenk ich die eurige“ u. s. f.

Offenbar krönt diese Wendung das ganze Stück und vollendet den Charakter des Liebhabers und Räubers.

Schlechter bin ich mit dem Vater zufrieden. Er soll zärtlich und schwach sein, und ist klagend und kindisch. Man sieht es schon daraus, daß er die Erfindungen Franzens, die an sich plump und vermessen genug sind, gar zu einfältig glaubt. Ein solcher Charakter kam freilich dem Dichter zustatten, um Franzen zum Zweck kommen zu lassen, aber warum gab er nicht lieber dem Vater mehr Witz, um die Intrigen des Sohnes zu verfeinern? Franz muß allem Ansehen nach seinen Vater durchaus gekannt haben, daß er es für unnötig hielt, seine ganze Klugheit an ihm zu verschwenden? Überhaupt muß ich in der Kritik dieses letztern noch nachholen, daß sein Kopf mehr verspricht, als seine Intrigen erfüllen, welche, unter uns gesagt, abenteuerlich grob und romanhaft sind. So mischt sich in die Bedauernis über den Vater ein gewisses verachtendes Achselzucken, das sein Interesse um vieles schwächt; so gewiß zwar eine gewisse Passivität des Beleidigten unsern Grimm gegen den Beleidiger mehr erhitzt als eine Selbstätigkeit des erstern, so gehört doch immer ein Grad von Hochachtung gegen ihn dazu, um uns für ihn zu interessieren – und wenn diese Hochachtung nicht auf intellektuelle Vollkommenheiten geht, worauf geht sie sonst? – Auf die moralischen? – Aber man weißt, wie genau sich diese letztern mit den ersten amalgamieren müssen, um anziehend zu sein. Überdies ist der alte Moor mehr Betschwester als Christ, der seine religiösen Sprüche aus seiner Bibel herzubeten scheint. Endlich springt der Verfasser mit dem armen Alten gar zu tyrannisch um, und, unsrer Meinung nach, hätte dieser, wenn er auch dem zweiten Akte entronnen wäre, durch das Schwert des vierten fallen sollen. – Er hat ein gar zähes Froschleben, der Mann! das freilich dem Dichter recht à propos kommen mochte. – Doch der Dichter ist ja auch Arzt, und wird ihm schon Diät vorgeschrieben haben.

In den kontrastierenden Charakteren der Räuber Roller, Spiegelberg, Schufterle, Kosinsky, Schweizer ist der Verfasser glücklicher gewesen. Jeder hat etwas Auszeichnendes, jeder das, was er haben muß, um auch noch neben dem Hauptmann zu interessieren, ohne ihm Abbruch zu tun. Der Rolle Hermanns, die im ersten Plan höchst fehlerhaft war, ist in der zweiten Auflage eine vorteilhaftere Wendung gegeben. Es ist eine interessante Situation, wie sich in der Mitte des vierten Aktes die beiden Schurken an einander zerschlagen. So wie sich der Charakter Hermanns erhob, wurde der Charakter des alten Daniels in Schatten gestellt.

Die Sprache und der Dialog dörften sich gleicher bleiben, und im ganzen weniger poetisch sein. Hier ist dem Ausdruck lyrisch und episch, dort gar metaphysisch, an einem dritten Ort biblisch, an einem vierten platt. Franz sollte durchaus anders sprechen. Die blumigte Sprache verzeihen wir nur der erhitzten Phantasie, und Franz sollte schlechterdings kalt sein. Das Mädchen hat mir zuviel im Klopstock gelesen. Wenn man es dem Verfasser nicht an den Schönheiten anmerke, daß er sich in seinen Shakespeare vergafft hat, so merkt man es desto gewisser an den Ausschweifungen. Das Erhabene wird durch poetische Verblümung durchaus nie erhabener, aber die Empfindung wird dadurch verdächtiger. Wo der Dichter am wahrsten fühlte und am durchdringendsten bewegte, sprach er wie unser einer. Im nächsten Drama erwartet man Besserung, oder man wird ihn zu der Ode verweisen.

Gewisse historische Beziehungen finde ich nicht ganz berichtigt. In der neuen Auflage ist die Geschichte in die Errichtung des teutschen Landfriedens verlegt worden. Das Stück war in der Anlage der Charaktere und der Fabel modern zugeschnitten, die Zeit wurde verändert, Fabel und Charaktere blieben. So entstand ein buntfärbiges Ding, wie die Hosen des Harlekins, alle Personen sprechen um viel zu studiert, itzt findet man Anspielungen auf Sachen, die ein paar hundert Jahre nachher geschahen oder gestattet werden durften.

Auch sollte durchgängig mehr Anstand und Milderung beobachtet sein. Laokoon kann in der Natur aus Schmerz brüllen, aber in der anschaulichen Kunst erlaubt man ihm nur eine leidende Miene. Der Verfasser kann vorwenden: ich habe Räuber geschildert, und Räuber bescheiden zu schildern wär ein Versehen gegen die Natur – Richtig, Herr Autor! Aber warum haben Sie denn auch Räuber geschildert?

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