HomeBriefeAn Charlotte v. LengefeldSchiller an Lotte von Lengefeld, 21. März 1788

Schiller an Lotte von Lengefeld, 21. März 1788

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[Um den 15.-21. März 1788.]

Sie können sich nicht herzlicher nach Ihren Bäumen und schönen Bergen sehnen, mein gnädiges Fräulein, als ich – und vollends nach denen in Rudolfstadt, wohin ich mich jetzt in meinen glücklichsten Augenblicken im Träume versetze. Man kann den Menschen recht gut seyn, und doch wenig von ihnen empfangen; dieses, glaube ich, ist auch Ihr Fall; jenes beweist ein wohlwollendes Herz, aber das Letztere einen Charakter. Edle Menschen sind schon dem Glücke sehr nahe, wenn nur ihre Seele ein freies Spiel hat; dieses wird oft von der Gesellschaft (ja oft von guter Gesellschaft) eingeschränkt; aber die Einsamkeit giebt es uns wieder, und eine schöne Natur wirkt auf uns wie eine schöne Melodie. Ich habe nie glauben können, daß Sie, in der Hof- und Assembleeluft sich gefallen; ich hätte eine ganz andre Meinung von Ihnen haben müssen, wenn ich das geglaubt hätte. Verzeihen Sie mir; so eigenliebig bin ich, daß ich Personen, die mir theuer sind, gerne meine eigne Denkungsart unterschiebe.

Heute würde ich mir die Erlaubniß von Ihnen ausbitten, Sie besuchen zu dürfen; aber ich bin schon von gestern her engagiert, eine Partie Schach an Frau von Koppenfels zu verlieren. Wie sehr wünschte ich nun, daß Sie eine Besuch-Schuld an sie abzutragen hätten, und daß Ihr Gewissen Sie antriebe, es heute zu thun. Die Tage haben für mich einen schönern Schein, wo ich hoffen kann, Sie zu sehen, schon die Aussicht darauf hilft mir einen traurigen ertragen. Von Wolzogen habe ich gestern einen Brief erhalten, der jetzt in dem traurigen Stuttgart die angenehmen Stunden in der Erinnerung wiederholt, die er – und vorzüglich in Rudolfstadt – genossen hat. An Frau von Kalb habe ich von Ihnen eine Empfehlung bestellt. In das Stammbuch will ich morgen schreiben.

Leben Sie recht wohl.

Schiller.