HomeBriefeAn Charlotte v. LengefeldSchiller an Lotte von Lengefeld, Anfang März 1788

Schiller an Lotte von Lengefeld, Anfang März 1788

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(Stimmen: 2 Durchschnitt: 5)

[Weimar Ende Febr. oder Anfang März 1788.]

Wahrhaftig, gnädiges Fräulein, Sie handeln auch sehr grausam an der armen Komödie, daß Sie sie gerade in dasjenige Licht stellen, wo sie sich am allerkläglichsten ausnimmt, nämlich in eine Alternative mit Ihnen. Es könnte mich beinahe ärgern, dass sie nicht besser ist, oder daß es nicht irgend sonst eine Freude gibt, um Ihnen zeigen zu können, wie gerne ich sie für das größere Vergnügen versäume, um Sie zu seyn. Hier könnten Sie mich zwar erinnern, wie lange Sie schon hier sind, und wie wenig ich mir dennoch Ihren Aufenthalt zu Nutze gemacht habe; aber glauben Sie mir für jetzt, daß dieses Letztere das Erste so wenig umstößt, daß ich vielmehr, wenn ich mich selbst gewissenhaft darum befrage, eins durch das andere erklären muß. Mein Aufenthalt in Rudolfstadt (worauf ich mich freue, wie ich mich noch auf wenige Dinge gefreut habe) soll mich für das Versäumte schadlos halten, wenn anders eine Versäumniß von dieser Art nachgeholt werden kann; und alsdann, gnädiges Fräulein, hoffe ich Sie auch zu überzeugen, wie wenig meine bisherige seltene Erscheinung bei Ihnen der Unfähigkeit zuzuschreiben war, den Werth Ihres Umgangs zu empfinden. Ich fühle, daß dieses Billet Ihnen nicht ganz verständlich seyn wird; aber das hat auch sein Gutes; Sie werden dadurch gezwungen seyn, es noch einmal zu durchlesen, und um so weniger wird Ihnen dasjenige darin entgehen, wovon ich Sie vorzüglich überzeugen wollte – meine ehrerbietigste Achtung für Sie.

Eben zieht mich ein Schlitten ans Fenster, und wie ich hinaussehe, sind Sie’s. Ich habe Sie gesehen, und das ist doch etwas für diesen Tag. Doch da Sie nunmehr schwerlich mehr allein seyn werden, so muß ich dieses Billet bis morgen früh ersparen.

Schiller.