HomeBriefeBriefwechsel mit Gottfried KörnerSchiller an Gottfried Körner, 10. Dezember 1793

Schiller an Gottfried Körner, 10. Dezember 1793

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Ludwigsburg den 10. Dec. [Dienstag] 93.

Ich habe es müssen darauf ankommen lassen, Dich diese Zeit über wegen meiner in Ungewißheit zu lassen, denn ich hatte ordentlich einen physischen Widerwillen gegen das Schreiben. Ein so hartnäckiges Uebel als das meinige, welches bey noch so mannichfaltigen Einwirkungen von aussen auch nicht die geringste Veränderung erfährt, weder zum Schlimmen noch zum Guten, müsste endlich auch einen stärkeren Muth als der meinige ist, überwältigen. – Ich wehre mich dagegen mit meiner ganzen Abstraktionsgabe, und wo es angeht mit der ganzen Fruchtbarkeit meiner Einbildungskraft, aber immer kann ich doch nicht das Feld behalten. – Seit meinem letzten Brief an Dich vereinigte sich sovieles, meine Standhaftigkeit zu bestürmen. Eine Krankheit meines Kleinen, von der er sich aber jetzt vollkommen wieder erholt hat, meine eigene Krankheit, die mir so gar wenig freie Stunden läßt, die Unbestimmtheit meiner Aussichten in die Zukunft, da die Mainzer Aspecten sich ganz verfinstert haben, der Zweifel an meinem eigenen Genius, der durch gar keine wohlthätige Berührung von außen gestärkt und ermuntert wird, der gänzliche Mangel einer geistreichen Konversazion, wie sie mir jetzt Bedürfniß ist! Bey dieser hinfälligen Gesundheit muss ich alle Erweckungs Mittel zur Thätigkeit aus mir selbst nehmen und anstatt einige Nachhülfe von aussen zu empfangen, muß ich vielmehr mit aller Macht dem widrigen Eindruck entgegenstreben, den der Umgang mit so heterogenen Menschen auf mich macht. Meine Gefühle sind durch meine Nervenleiden reizbarer und für alle Schiefheiten, Härten, Unfeinheiten und Geschmacklosigkeiten empfindlicher geworden. Ich fordre mehr als sonst von Menschen und habe das Unglück mit solchen in Verbindung zu kommen, die in diesem Stück ganz verwahrloßt sind. Wäre ich mir nicht bewußt, daß die Rücksicht auf meine Familie den vornehmsten Antheil an meiner Hieherkunft gehabt hätte – ich könnte mich nie mit mir selbst versöhnen. Doch warum schlage ich Dich mit solchen Betrachtungen nieder und wozu hilft es mir? Gebe nur der Himmel, daß meine Geduld nicht reisse, und ein Leben, das so oft von einem wahren Tod unterbrochen wird, noch einigen Werth bey mir behalte. –

Laß es Dich also nicht wundern oder nimm es nicht empfindlich auf, wenn ich unter uns beiden jetzt der weniger thätige bin. Ich erinnere mich, daß ich das Gegentheil war, und es thut mir selbst am meisten leid, daß ich jetzt mehr empfangen muß, als ich geben kann. Ich will es nicht läugnen, daß ich eine Zeitlang empfindlich auf Dich war. Schon lange ist es blos meine Thätigkeit, die mir mein Daseyn noch erträglich macht, und es kann mir unter diesen Umständen begegnet seyn, daß ich diesen subjectiven Werth, den meine neueren Arbeiten für mich haben, für objektiv nahm, und beßer davon dachte, als sie wohl werth seyn mögen. Kurz, ich bildete mir ein, sowohl in meinen Briefen von vergangenem Winter, als in einigen neuern gedruckten Aufsätzen, Ideen ausgestreut zu haben, die einer wärmeren Aufnahme würdig wären, als sie bei Dir fanden. Bei dieser Dürre um mich her wäre es mir so wohlthätig gewesen, eine Aufmunterung von Dir zu erhalten, und bey der Meinung, die ich von Dir habe, konnte ich mir Dein Stillschweigen oder Deine Kälte nur zu meinem Nachtheil erklären. Ich brauchte aber wahrhaftig eher Ermunterung als Niederschlagung, denn zu großes Vertrauen auf mich selbst ist nie mein Fehler gewesen. Du konntest, wie ich jetzt wohl einsehe, nicht wissen, wie sehr ich Deiner Hilfe bedurfte, Du konntest den Zustand meiner Seele nicht errathen; aber so billig urtheilte ich in denjenigen Momenten nicht von Dir, wo ich meine Erwartungen und Wünsche getäuscht fand. Dass ich Dir diese Entdeckungen jetzt mache, beweist, dass ich über diesen Zustand gesiegt und meine Parthey genommen habe. Vergiß also alles und laß es auf Deine Freiheit gegen mich keinen Einfluß haben.

Sey so gut, und schicke mir, sobald Du schreibst, entweder das original oder die Copie derjenigen von meinen Briefen, worinn ich angefangen habe, Dir meine Theorie der Schönheit zu entwickeln. Ich brauche diese Ideen jetzt nothwendig zu meiner gegenwärtigen Beschäftigung und bin eben daran, die Theorie des Schönen zu entwickeln. Vielleicht gelingt es mir, in meiner Correspondenz mit d. Pr. v. A. soweit vorzurücken, dass ich den ersten Band derselben auf kommender Meße drucken lassen kann. Zehn Bogen sind bereits fertig, wo ich das Schöne und den Geschmack blos in seinen Einfluß auf den Menschen und auf die Gesellschaft betrachte, und die reichhaltigsten Ideen aus den Künstlern philosophisch ausgeführt sind. Meine Gesundheit erlaubt mir jetzt weniger als sonst Entwürfe, deren Vollendung mir am Herzen ligt, auf die lange Bank zu verschieben. Wenn von meiner Correspondenz die Hälfte fertig und copiert ist, so sende ich sie Dir zu. –

Der Tod des alten Herodes hat weder auf mich noch auf meine Familie Einfluß, außer daß es allen Menschen, die unmittelbar mit dem Herrn zu thun hatten, wie mein Vater, sehr wohl ist, jetzt einen Menschen vor sich zu haben. Das ist der neue Herzog in jeder guten und auch in jeder schlimmen Bedeutung des Worts.

Huber will mit der Forstern, wenn sie getraut sind, nach Tübingen kommen, und sich dort eine Zeit lang nieder lassen, weil es ihm in der Schweitz zu theuer ist. Er hat mir geschrieben, daß er vorher eine Zusammenkunft mit Forstern abwarten würde, der sich damals bey der Rheinarmee aufhielt, und seine Rechte auf sie in Person cediren wollte; Je mehr ich von dieser Geschichte höre, desto eckelhafter wird sie mir. –

Meine Frau ist seit ihren Wochen viel gesunder als je, und das ist auch der größte äußere Trost, den ich jetzt habe. Der Kleine ist gesund, und meine Familie auf der Solitude auch bei dem besten Wohlseyn. Tausend herzliche Grüße an Minna und Dorchen. Hier ein Brief von meiner Lotte an letztere, der schon 14 Tage zum Einschluß parat gelegen hat.

Dein S.