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Charakterisierung des Fiesco aus Schillers »Die Verschwörung des Fiesco zu Genua«

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Von der Natur mit körperlichen und geistigen Vorzügen verschwenderisch ausgestattet, auf der Grenze zwischen dem Jünglings- und dem Mannesalter stehend, mit stolzen Entwürfen der Zukunft zugewendet, schwebt ihm das Ideal eines mit Weltklugheit ausgerüsteten Freiheitshelden vor. Den will er spielen, um den Sieg über die bestehenden Verhältnisse zu erringen. So wird er ein feiner, schlau berechnender Intrigant. List ist der erste Zug in seinem Charakter. Darum heuchelt er der Familie Doria freundschaftliche Ergebenheit und einer Julia schwärmerische Liebe zu und weiß selbst vor dem scharfblickenden Verrina seine wahren Absichten zu verbergen. Nur dem ihm ebenbürtigen Bourgognino, dem er als Edelmann eine Erklärung nicht abschlagen kann, eröffnet er sich insoweit, als er sein Benehmen als „das Gewebe eines Meisters“ bezeichnet. Sonst aber macht es ihm Vergnügen, seiner ganzen Umgebung ein Rätsel zu sein, um schließlich Alle hinter das Licht zu führen. Diesem Vergnügen gibt er sich mit jugendlichem Leichtsinn hin. Daher kommt sein frivoles Benehmen an Julias Putztisch, daher auch die wunderliche Laune, den Mohren unmittelbar nach dem verfehlten Mordversuch in seine Dienste zu nehmen. Aber Fiesco hat ein bestimmtes Ziel im Auge, das sich nur auf praktischem Wege erreichen lässt. Er sucht die Seidenhändler, die beim Pöbel von Genua den Ausschlag geben, für sich zu gewinnen. Als seine Operationen zu wirken beginnen, erzählt er den aufgeregten Handwerkern eine Fabel, um sie auf die Notwendigkeit eines Monarchen hinzuweisen.

Dass er zu einem solchen alle Anlage hat, beweist sein stolzes Benehmen dem Maler Romano, ja selbst den Verschworenen gegenüber, sodass der edle Bourgognino (II, 18) unwillig ausruft: „Bin ich denn gar nichts mehr?“ Fiesco betrachtet sich nun als den größten Mann in Genua. Da er nach Art aller jugendlichen Brauseköpfe sein Ziel möglichst schnell erreichen will, bebt seine unmäßige Herrschbegierde auch vor unsittlichen Mitteln nicht zurück. Erklärt er doch dem Mohren, „dem hartgesottenen Sünder“ (II, 15) geradezu: „Nichts kann zu ehrwürdig sein, das du nicht in diesen Morast untertauchen sollst, bis du den festen Boden fühlst“. Aber Fiesco will nicht bloß bewundert werden, er möchte sich auch fortwährend bewundert sehen. Er will nicht bloß eine Rolle auf der Lebensbühne spielen, er will auch Akteur auf der Schaubühne sein. Darum das Gaukelspiel mit dem Mohren, der ihm den Arm aufritzen muss, darum die schauspielerische Demütigung der Julia, darum der Theatercoup, zu dem er selbst den Verschworenen gegenüber die Nachricht Calcagnos benutzt, dass der Mohr Audienz beim Herzog gehabt habe.

Ja, wenn wir die beiden Monologe II, 19 und III, 2 miteinander vergleichen, die nur durch eine kurze Zeit voneinander getrennt sind, müssen wir nicht gestehen, dass er mit sich selbst Komödie spielt? Ist nicht die Art, wie er dem Andreas seinen Untergang ankündigt und selbst sein Benehmen an der Leiche seiner Gemahlin mit einem gewissen Raffinement auf die Bewunderung seiner Zuschauer berechnet? Wer so mit den heiligsten Empfindungen ein Possenspiel treiben kann, der ist zu einem siegreichen Helden nicht geeignet. Nicht nur die Untreue gegen sein ursprüngliches Ideal, sondern auch die unsittlichen Mittel, mit denen er sein Ziel verfolgt, machen das Wesen seiner Schuld aus und bereiten ihm schließlich den Untergang.